Juni 2026
Brief von Nina d’Aubigny von Engelbrunner an unbekannten Empfänger vom 04.09.1800
Der Übergang vom 18. ins 19. Jahrhundert war eine Zeit des Umbruchs, besonders geprägt durch die Nachwirkungen der französischen Revolution. Ein Brief der Musikerin Nina d’Aubigny von Engelbrunner im Quellenbestand des FMG gibt Einblicke in eine ungewöhnliche Frauenbiografie dieser Zeit. Adressiert an einen uns fremden Mann wirft der Brief mehr Fragen auf, als er beantwortet. In ihm bittet d’Aubigny den Empfänger einen weiteren, beigelegten Brief an ihren Schwager, Carl Gottlieb Horstig, der bei dem Empfänger auf einer Reise in den Harz untergekommen ist, weiterzuleiten. Dieser zweite Brief liegt uns leider nicht vor, weshalb über den Inhalt, und damit den Grund dafür, dass d’Aubigny nicht auf die Rückkehr ihres Schwagers warten konnte, um mit ihm zu sprechen, nur spekuliert werden kann. Der uns vorliegende einseitige, relativ kurze Brief ist datiert auf den 4. September 1800, was uns einige mögliche Hinweise über den zweiten Brief gibt. Um Vermutungen über dessen Inhalt aufstellen zu können, lohnt sich ein Blick in die Biografie d’Aubignys.
Geboren wurde Elisabeth Jana Wynandine von Engelbrunner am 15. April 1770 in Kassel als zweites von insgesamt sechs Kindern, von welchen es fünf bis ins Erwachsenenalter schafften (Vgl. Elsberger, S. 21). Die vier älteren Engelbrunner Schwestern, sowie ihr kleiner Bruder, genossen eine musikalisch und sprachlich weit gefächerte Bildung und wurden schon früh mit den Umgangsformen des Adels vertraut gemacht, da ihr Vater lange Zeit als Erzieher, und später Hofmeister, am Hofe Kassels tätig war (vgl. Elsberger, S. 24). D’Aubignys Mutter entstammte einem französischen Adelsgeschlecht, sodass die Familie im Jahr 1800, nach der Erneuerung ihres Adels, offiziell zur Familie d’Aubigny von Engelbrunner wurde (vgl. Nieberle). Die vier Schwestern hatten eine besondere Verbindung, die sich auch durch die geteilte Liebe zur Musik ausdrückte. Schon in ihrer Jugend trat d’Aubigny zusammen mit ihrer älteren Schwester Susette, später Horstig, als Sängerin auf, wofür die Schwestern auch in der Zeitung gelobt wurden, „das Talent wirklicher Künstlerinnen [zu] besitzen“ (Bossler, S. 375). Dieses enge Band führte dazu, dass d’Aubigny 1794 von Kassel nach Bückeburg zog, nachdem die Schwester zuvor Carl Gottlieb Horstig geheiratet hatte und mit diesem hierher umsiedelte. In Bückeburg begann d‘Aubigny als Lehrerin für die Kinder der Fürstin Juliane von Schaumburg-Lippe zu arbeiten, trat als Musikerin auf und verfasste erste eigene Kompositionen (vgl. Elsberger, S. 29). Auf diese Weise war es ihr möglich ein, für diese Zeit ungewöhnliches, selbstbestimmtes Leben als alleinstehende Frau zu führen.
Während der Jahre in Bückeburg ereigneten sich einige Dinge in d’Aubignys Privatleben, die Aufschluss über den Inhalt des verlorenen zweiten Briefes geben könnten. Zum einen wird d’Aubigny sehr vertraut mit ihrem Schwager. Von ihrer engen platonischen Beziehung berichtet sie in ihren Tagebüchern und es ist bekannt, dass d’Aubigny Horstig bei Problemen aller Art häufig als erstes zu Rate zog (vgl. Elsberger, S. 30). Zudem kam es in den aufeinanderfolgenden Jahren 1798 und 1799 zu den zwei einzigen nachzuweisenden Heiratsanträgen in d’Aubignys Leben. Einer davon kam von David August von Apell, einem späteren Komponisten und Schriftsteller, welchen d’Aubigny allerdings, nach eigenen Worten, nicht ernst nahm und somit ablehnte (vgl. Elsberger, S. 25). Zweiterer kam vom Grafen von Brabeck, einem gut situierten älteren Adligen, der d’Aubigny das Angebot machte, sie nach dem Tod seiner ersten Frau zu heiraten (vgl. Elsberger, S. 33). D’Aubigny antwortete dem Grafen nicht endgültig, weshalb sich die sogenannte Brabeck-Affäre über acht Jahre zog, bis die Frau des Grafen schließlich tatsächlich verstarb und dieser eine Antwort von d’Aubigny verlangte. Sie lehnte ab (vgl. Elsberger, S. 44). Ihre Bückeburger Jahre gehen mit dem Tod ihrer Arbeitgeberin und sogenannter „Wohltäterin“ , der Fürstin von Schaumburg-Lippe, im November des Jahres 1799 zu Ende. In ihrem Tagebuch schreibt sie: „Die Gräfinnen und mit ihnen alles, was den Hof ausmachte, sind weg“(D’Aubigny in: Elsberger, S. 34).
Somit fällt der Brief in eine Zeit der persönlichen, aber auch finanziellen Ungewissheit, denn d’Aubigny zieht es nach dem Tod der Gräfin um die Jahrhundertwende zurück nach Kassel (vgl. Elsberger, S. 34). Mit diesem Umbruch lassen sich neue Vermutungen über den Inhalt des zweiten Briefes aufstellen. So beginnt sie in Kassel mit dem Verfassen eines Buches (vgl. Elsberger, S. 34). Briefe an Natalie über den Gesang, als Beförderung der häuslichen Glückseligkeit und des geselligen Vergnügens erscheint nur drei Jahre nach dem Schreiben dieses Briefes. Das Buch ist bis heute als großes Werk der Gesangslehre bekannt und wurde auch zu d’Aubignys Lebzeiten gewürdigt, und so zum Beispiel nachweislich von Ludwig van Beethoven weiterempfohlen (vgl. Elsberger, S. 65). Im Schreibprozess wird sie Horstig zu Rate gezogen haben, welcher Erfahrung als Verleger hatte (vgl. Elsberger, S. 34). Zudem beurteilte er die Notwendigkeit eines solchen Lehrwerks ähnlich wie d’Aubigny, wie sie in ihrem Tagebuch schreibt. Beide beklagen den „unverzeihliche[n] Mangel an guten Lehrbüchern, worin das wesentliche der Musik ohne allen gelehrten Kunstkram auf seine einfachsten Bestandtheile [sic!] zurückgeführt wird“ (Elsberger, S. 134). Zudem veröffentlichte sie um diese Zeit einige Stücke, auch unter eigenem Namen, wobei Horstig als ihr Verleger fungierte (vgl. Harer). Ebenfalls 1800 begann d’Aubigny, Schriften in der Allgemeinen musikalischen Zeitung Leipzig zu veröffentlichen (vgl. Elsberger, S. 312). Anhand dieser Informationen lassen sich also weitere Hypothesen über den zweiten Brief und dessen Inhalt ableiten.
Die möglichen Gründe, Horstig auf dessen Harz-Reise erreichen zu müssen, sind also mannigfaltig, sowohl im privaten als auch im künstlerisch-professionellen Sinne. Ohne den beigelegten Brief ist es allerdings unmöglich, d’Aubignys wirkliche Beweggründe zu kennen, und so lassen sich weiter nur Vermutungen aufstellen. Fest steht allerdings, dass der Brief zu einer Zeit des Umbruchs geschrieben wurde, sowohl gesellschaftlich als auch in d’Aubignys Privatleben. Aus heutiger Sicht wissen wir, dass d’Aubignys künstlerische Vorhaben Erfolg hatten und sie es lebenslang schaffte, ein eigenständiges und erfolgreiches Leben als Musikerin zu führen. Sie lebte noch mehrere Jahre in London, Kalkutta und Wien, bevor sie sich auf dem Land in Österreich niederließ und dort in unmittelbarer Nähe ihrer älteren Schwester Susette Horstig bis zu ihrem Tod 1847 ihren Lebensabend verbrachte (Elsberger, S. 47, 53, 70).
Text: Kathy Götjen (Studentin, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg; im Rahmen eines Seminars mit Besuch des fmg unter der Leitung von Dr. Christine Fornoff-Petrowski)
Bibliographie
Primärquelle
d’Aubigny von Engelbrunner, Nina. Brief an unbekannten Empfänger. Kassel, 04.09.1800. Forschungszentrum Musik und Gender, Hannover. Dokument Signatur Rara/FMG Aubigny von Engelbrunner, N.1
Sekundärquellen
Bossler, Heinrich Philipp Carl. 1789. „Musikalische Real-Zeitung Numero 47.“ Münchner Digitalisierungszentrum, zuletzt aufgerufen am 16.01.2026. www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10527698
Elsberger, Manfred. 2000. Nina d’Aubigny von Engelbrunner. München: BUCH & medi@.
Harer, Ingeborg. 2018. „Nina d’Aubigny von Engelbrunner.“ Musik und Gender im Internet, zuletzt aufgerufen am 11.02.2026. mugi.hfmt-hamburg.de/receive/mugi_person_00000024
Nieberle, Sigrid. 2016. „Aubigny von Engelbrunner, Nina d‘.“ MGG Online, zuletzt aufgerufen am 16.01.2026. www.mgg-online.com/articles/mgg00695/1.0/id-db32ffbd-412a-ef73-3839-af474efa228a

- Nina d’Aubigny von Engelbrunner. Lithografie, vermutlich London (1806). Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Nina_d’Aubigny_von_Engelbrunner

- Carl Gottlieb Horstig. Unbekannt. Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Karl_Gottlieb_Horstig
Zuletzt bearbeitet: 08.06.2026
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