März 2026

Musikalisches Rätsel

Die Wiener Komponistin Johanna Müller-Hermann beschrieb am 6. Februar 1896 eine Visitenkarte, um damit, wie es seinerzeit üblich war, eine Nachricht zu übermitteln. Einzelne Noten auf der Vorderseite des Kärtchens und mehrere Takte eines vierstimmigen Satzes auf der Rückseite wirken zunächst wie eine Verzierung oder mögen der Verweis auf ein Werk der Komponistin sein. Erst bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass sich dahinter eine verschlüsselte Botschaft verbirgt. Lässt sich der musikalische Code knacken?

Abkürzungen und Chiffren sind wesentliche Merkmale von Korrespondenzen. Diese sind zur jeweiligen Zeit, wenn nicht allgemein geläufig, so doch zumindest denen bekannt, die sich im Schriftwechsel austauschen. Ähnlich verhält es sich mit gestalterischen Elementen, die eine textliche Botschaft bekräftigen oder abschwächen, ergänzen oder ersetzen können oder auch gar nichts damit zu tun haben müssen. 

Vorderseite der Visitenkarte von Johanna Müller-Hermann. [o.O.], 6.2.1896. Signatur: Rara/FMG Musikhandschriften.155


So zeigt zum Beispiel ein Blick auf den gedruckten Namen, dass „Johanna Müller | geb. von Hermann“ mit der lateinischen Schreibschrift eine Schriftart gewählt hatte, die im späten 19. Jahrhundert sehr beliebt war, weshalb sie häufig beim Bedrucken von Visitenkarten Verwendung fand. Mit den Maßen 8,5 x 5 cm ist die Karte in etwa so groß wie eine heutige Scheckkarte und entspricht dem damals gängigen Format, wenn es um Visitenkarten für Frauen ging – bei Männern durften sie durchaus etwas größer sein. Ein sogenannter Trauerrand ist ein weiteres Beispiel für ein gestalterisches Element und findet sich auch auf der Visitenkarte von Johanna Müller-Hermann. Er zeigt an, dass sich die Absenderin zum damaligen Zeitpunkt in Trauer befunden haben muss. Mit 6 mm ist der schwarze Rand relativ breit, was darauf hinweisen kann, dass der betrauerte Todesfall noch nicht allzu lange zurücklag oder dass die Person in einem engen Verwandtschaftsverhältnis zu Johanna Müller-Hermann gestanden hatte. Tatsächlich trifft beides zu: am 18. November 1895 war ihr Bruder Albert mit erst 31 Jahren plötzlich verstorben.

Aus der Botschaft, die Johanna Müller-Hermann mit ihrer Visitenkarte übermitteln wollte, spricht jedoch keine Trauer. Im Gegenteil. Unter ihrem abgedruckten Namen auf der Vorderseite der Visitenkarte befinden sich vier Takte mit scheinbar willkürlich gesetzten Viertelnoten, Violin- und Bassschlüsseln. Dazwischen befinden sich mitunter Buchstaben. Versteht man nun das Ganze als Notenrätsel, bei welchem Buchstaben durch Notennamen ersetzt wurden, liest es sich im Zusammenhang wie folgt: [gedruckt:] „Johanna Müller | geb. Hermann | [handschriftliches Notenrätsel:] freut sich auf Dienstag“. Was mag der Anlass für Johanna Müller-Hermanns Vorfreude gewesen sein? Ein Blick auf die Rückseite der Visitenkarte könnte hier eventuell weiterhelfen. 

Rückseite der Visitenkarte von Johanna Müller-Hermann. [o.O.], 6.2.1896. Signatur: Rara/FMG Musikhandschriften.155


Notiert sind vier Takte eines (vierstimmigen) Stückes. Dieses Mal ist es kein Notenrätsel. Johanna Müller-Hermann verweist auch keineswegs auf ein eigenes Werk. Sie zitiert hier den Schluss der Melodie, die Joseph Haydn 1797 zu Ehren von Kaiser Franz II. komponiert hatte („Gott erhalte Franz den Kaiser“) und die zur damaligen österreichischen Kaiserhymne wurde (und auch für die heutige deutsche Nationalhymne verwendet wird). Anhand des von Johann Müller-Hermann unten links auf der Karte notierten Datums („6.II.1896“) lässt sich schließen, dass sie ihre Botschaft an einem Donnerstag verfasst hatte. Der nächste Dienstag war demzufolge der 11. Februar 1896. Einen Tag später, nämlich am 12. Februar jährte sich der Geburtstag des ehemaligen Kaisers Franz II. (1768–1835), auf den sich das Musikzitat bezog. Gibt es hier einen Zusammenhang? Und an wen war die Karte eigentlich gerichtet? Erkundigte sich Johanna Müller-Hermann mit dem unten rechts notierten (und nicht durch Musik verschlüsselten) Satz „Was macht der rechte Huf?“ nach dem Befinden eines Pferdes oder – eher scherzhaft gemeint – des oder der Empfänger*in der Visitenkarte? Sie oder er wird die Botschaft verstanden haben und sich möglicherweise ebenfalls auf den Dienstag gefreut haben. Man kann nun wild spekulieren. Die Karte gibt jedenfalls nicht mehr preis. Aber sie macht neugierig darauf, sich näher mit Johanna Müller-Hermann zu beschäftigen, die diese besondere und musikalisch verschlüsselte Visitenkarte hinterlassen hat.


Text: Dr. Viola Herbst (wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungszentrum Musik und Gender)


Anmerkung: Der mit Schreibmaschine auf der Rückseite der Visitenkarte hinterlassene Hinweis „(Komponistin)“ stammt vermutlich von einem Antiquariat o.ä.


Mehr zu Johanna Müller-Hermann

Ann-Kathrin Erdélyi, Artikel „Johanna Müller-Hermann“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard, Nina Noeske und Silke Wenzel, HfMT Hamburg, 2003ff. und HfM Weimar, 2022ff. Stand vom 20. Februar 2025, online verfügbar unter https://mugi.hfmt-hamburg.de/receive/mugi_person_00000583 (abgerufen am 16.2.2026)

Erich Hermann und Christine Piswanger-Richter, "Was? Eine KomponistIN? Johanna Müller-Hermann, Komponistin und Kompositionslehrerin“, in: Der Leiermann, Kulturblog, hg. Von Thomas Stiegler, Grieskirchen, https://www.blog.der-leiermann.com/johanna-mueller-hermann/ (abgerufen am 16.2.2026)

Uwe Harten, Art. „Hermann, Geschwister von“, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, begr. von Rudolf Flotzinger, hg. von Barbara Boisits (letzte inhaltliche Änderung: 26/11/2002, abgerufen am 16.2.2026), dx.doi.org/10.1553/0x00027152

 
Fotografie von Johanna Müller-Hermann. [o.O.], [o.D.]. Quelle: en.wikipedia.org/wiki/File:Johanna_M%C3%BCller-Hermann.png

Zuletzt bearbeitet: 03.03.2026

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