Quelle des Monats

Regelmäßig werden in der Rubrik „Quelle des Monats“ Raritäten aus dem Bestand des fmg vorgestellt.  Die Exponate konnten dank der Finanzierung durch die Mariann Steegmann Stiftung erworben werden und ergänzen den vielfältigen und einzigartigen Archivbestand des Forschungszentrums. Ausstellungsstücke und Exponatbeschreibungen der vergangenen Monate können links im Menü eingesehen werden.  

Keine Familienangelegenheit: Clémence Comtesse de Grandvals Einsatz für die populären Sinfoniekonzerte in der französischen Provinz

Briefe von Clémence de Reiset vicomtesse de Grandval. Signatur: Rara/FMG Grandval,M.2/1-10


“Je n’ai pas voulu vous répondre Monsieur, avant d’avoir à vous dire quelque chose qui put vous intéresser.” („Ich wollte Ihnen nicht eher schreiben, mein Herr, bevor ich Ihnen nicht etwas für Sie Interessantes zu berichten habe.“) – So beginnt die Pianistin und Komponistin Clémence de Reiset vicomtesse de Grandval einen der Briefe an den Leiter der Concerts Populaires d’Angers aus dem Jahr 1879, die vor kurzer Zeit durch eine Schenkung Eva Riegers in das Archiv des fmg gelangten.

Die Briefe dokumentieren den schwierigen Prozess, die staatlichen Subventionen, die den Pariser Concerts Populaires von Jules Pasdeloup und Édouard Colonne zu Beginn der Dritten Republik bewilligt worden waren, auf sogenannte „populäre Konzerte“ in den französischen Provinzen zu erweitern. Im Jahr 1879 galt es, eine erste Anhebung der Subventionen durch nicht abgerufene Gelder von einigen hundert Francs auf 4.000 Francs längerfristig für das Orchester von Angers zu sichern (Simon, S. 12). Während die zeitgenössischen Musikzeitschriften eingehend über die Diskussionen berichten, ob die Subventionierung der Konzerte außerhalb von Paris eine staatliche oder eher eine regionenbezogene bzw. städtische Angelegenheit sei (diskutiert wurde dabei vor allem eine Zusammenarbeit zwischen den sehr erfolgreichen, im Jahr 1877 gegründeten Concerts populaires d’Angers mit der Stadt Nantes, vgl. L’Abeille 5/84, 8. November 1879), setzte sich Clémence comtesse de Grandval für eine Förderung von staatlicher Seite aus ein. Dafür mobilisierte sie ihre persönlichen Kontakte zur Sängerin und Salonière Marie Trélat, die sie in den Briefen als einflussreiche Akteurin bei der Regierungspartei beschreibt und die bei dem Minister für Instruction publique et Beaux Arts und zukünftigen Präsidenten des Ministerrats, Jules Ferry, vorsprechen solle, wenn sie denn wolle („Je n’ai pas encore joui de mon ami, elle est puissante mais il faut qu’elle veuille.“ – „Ich bin bisher noch nicht auf meine Freundin zurückgekommen, sie ist mächtig, aber sie muss auch wollen.“). Gleichzeitig erklärte sie, dass ihre eigenen Bemühungen bei Eugène Deschapelles, dem Leiter des Bureau des Théâtres im Ministère de l’Éducation Publique, und Edmond-Henri Turquet, dem Unterstaatsminister der Instruction Publique et des Beaux Arts, schon ausgereizt seien: Turquet habe Deschapelles bereits dazu bewegt, Angers in die Liste der für 1881 zu bedenkenden Subventionen für die Konzerte in der französischen Provinz zu berücksichtigen und diese Subventionen könnten sogar schon für das Jahr 1880 bewilligt werden. Ein weiteres Vorgehen über die Kontakte ihrer eigenen Familie schloss Clémence de Grandval im selben Brief dagegen aus: „J’ai fait et ferai toujours Monsieur tout ce qui me sera possible personnellement. J’ai dit personellement. Car vous me parlez de ma famille et je suis bien de votre avis et le leur dirai. Mais ignorez vous combien ils sont tous étrangers hélas, à la musique? Je les aime de tout coeur mais en fait d’art… enfin je tenterai de les y intéresser voilà tout ce que je peux dire.” (“Ich habe immer alles getan und werde auch immer alles tun, was mir persönlich möglich erscheint. Ich sagte persönlich. Denn Sie sprechen mich auf meine Familie an und da bin ich Ihrer Meinung und ich werde es ihnen sagen. Aber wissen Sie denn nicht, wie fremd sie alle der Musik gegenüber sind? Ich liebe sie von ganzem Herzen, aber in Sachen Kunst… ich werde sie aber trotzdem versuchen, dafür zu interessieren, das ist alles, was ich Ihnen sagen kann.“)

Vor dem Hintergrund von de Grandvals Beharren auf ihren künstlerischen statt familiären Netzwerken lassen sich auch die Beurteilungen ihrer Musik durch die Pariser musikalische Presse und den Einsatz der Gräfin für die Aufführung ihrer eigenen Kompositionen einer eindeutigeren Interpretation unterziehen: In den Pariser Musikjournalen wird ihre Musik zwar oft mit den Kompositionen anderer Komponistinnen wie Louise Farrenc verglichen, wobei Henry Cohen von der Chronique Musicale im Jahr 1876 de Grandvals Kühnheit im Erzielen neuer musikalischer Effekte und Farbgebungen unterstreicht, die sich von Farrencs klassischer Kompositionsweise abgrenzten. De Grandvals Modernität unterstreicht dabei ihren Einsatz für die Präsenz auch für ein breites Publikum nicht unbedingt kommensurable Musik in den Concerts Populaires. Mit ihrer auch in den Briefen des fmg-Archivs dokumentierten Intention, dabei vor allem Aufführungsmöglichkeiten für lebende französische Komponisten zu fördern, nahm sie die später staatlich festgesetzte Bindung der Subventionierungen an die Uraufführung von Werken zeitgenössischer französischer Komponisten vorweg („Les subventions de Pasdeloup et de Colonne leur ont été donnés sans condition aucune: aussi jouent ils des russes, des anglaise, des allemands, avec un entrain aussi unanime que deplorable au point de vu du pauvres français!“ – „Die Subventionen von Pasdeloup und Colonne wurden ihnen ohne jegliche Bedingung gegeben: dabei spielen sie Russen, Engländer, Deutsche, mit einem genauso einmütigen Schwung wie dieser aus der Sichtweise der armen Franzosen zu beklagen ist.“). Darüber hinaus lassen sich de Grandvals anfängliche Gegenfinanzierungen von Solisten für die Aufführung z.B. ihres Oboenkonzerts in den Pariser Concerts Colonne einordnen: Die Finanzierung scheint eher auf ihr eigenes künstlerisches Netzwerk gerichtet gewesen zu sein, als auf eine Eigenpropagierung ihrer ansonsten eventuell vernachlässigten Werke. Im Gegenteil belegen die neu ins Archiv des fmg aufgenommenen Briefe de Grandvals ihre umfassende Integration und ihre Handlungsmöglichkeiten in den künstlerischen Netzwerken einer französischen Musikwelt, zu der auch die französische Provinz gehörte, und die von einem eingehenden Bewusstsein auch für ein politisches Agieren innerhalb der musikalischen Praxis geprägt war.

Text: Prof. Dr. Gesa zur Nieden

 
Clémence de Grandval. Fotografie von Stebbing (Paris). Quelle: Sammlung Manskopf der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt a. M., Signatur: S36/F08690

Zuletzt bearbeitet: 21.01.2020

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