Juli 2021

Regelmäßig werden in der Rubrik „Quelle des Monats“ Raritäten aus dem Bestand des fmg vorgestellt.  Die Exponate konnten dank der Finanzierung durch die Mariann Steegmann Stiftung erworben werden und ergänzen den vielfältigen und einzigartigen Archivbestand des Forschungszentrums. Ausstellungsstücke und Exponatbeschreibungen der vergangenen Monate können links im Menü eingesehen werden.  

Pauline Viardot, Autograph von "Chanson d’autrefois" VWV 1129

Erste Seite des Autographs von "Chanson d’autrefois" von Pauline Viardot. [o.O.], [zwischen 1881 und 1892] © Archiv fmg


Am 18. Juli 2021 jährt sich der Geburtstag der französischen Sängerin, Pianistin und Komponistin Pauline Viardot (1821–1910) zum 200. Mal. So war es ein schöner Zufall, als einige Monate vor dem Jubliäum, im November 2020 Pauline Viardots Autograph ihrer Komposition Chanson d’autrefois für Singstimme und Klavier beim Autographenhändler Thomas Kotte zum Kauf angeboten wurde. Das FMG konnte dieses seltene Stück erwerben, dort gehört es nun zu den Rara-Beständen. Der*die aktuelle Verkäufer*in ist nicht bekannt, doch eine berühmte Vorbesitzerin war nach Auskunft von Kotte Autographs die Sopranistin Maria Callas (1923–1977).

Bei dem Autograph handelt es sich um eine Reinschrift auf einem Doppelblatt, das in der Mitte einmal quer gefaltet war. Drei Seiten sind mit je vier Systemen für Singstimme und Klavier mit Tinte beschrieben, die vierte Seite ist unbeschrieben bzw. enthält nur eine Bleistiftnotiz unbekannter Herkunft, deren Bedeutung unklar ist („CARN-5177“, am rechten Blattrand in senkrechter Ausrichtung).

Pauline Viardot notierte als Titel über dem ersten System „Chanson d’autrefois. / (Les 4 vents du ciel).“ und in der rechten oberen Ecke „Victor Hug[o]“ – offenbar ist der rechte Rand beschnitten, daher fehlt das „o“. In der linken oberen Ecke ist von fremder Hand „Pauline Viardot“ mit Bleistift geschrieben. Sie selbst notierte ihren eigenen Namen nicht, auch nicht unterhalb der Partitur.

Wie in den meisten anderen Fällen ist auch dieses Autograph Pauline Viardots nicht datiert. Das gilt auch für die Skizze zu diesem Lied, die sich in einem Skizzen- und Notizbuch Pauline Viardots aus der Bonynge-Sutherland-Collection findet: Houghton Library der Harvard University, Cambridge, MS Mus 264, (215), (siehe online) und für eine Abschrift der Komposition, die vermutlich Pauline Viardots Tochter Marianne Duvernoy angefertigt hat. Diese gehört zu einer Sammlung in der Pariser Médiathèque Hector Berlioz, Signatur Msc 108 (ein Digitalisat ist online verfügbar).

So lässt sich die Entstehungszeit der Komposition nur grob auf den Zeitraum 1881 bis 1892 eingrenzen. Da diese Situation exemplarisch für die Überlieferung Viardot’scher Werke ist, sei sie im Folgenden einmal detailliert geschildert: Die Chanson d’autrefois ist eines von acht Liedern Pauline Viardots nach Texten von Victor Hugo (1802–1885). Sein Gedicht Chanson d’autrefois gehört zu der Sammlung Les quatre vents de l’esprit (Pauline Viardot gibt diesen Titel in ihrem Autograph mit „Les 4 vents du ciel“ falsch wieder, s.o.). Die Sammlung entstand über einen längeren Zeitraum, das Gedicht Chanson d’autrefois ist mit Januar 1855 datiert. Im Jahr 1881 erschien Victor Hugos Sammlung zum ersten Mal im Druck, und es ist zwar nicht auszuschließen, aber doch unwahrscheinlich, dass die Komponistin die Sammlung vor deren Veröffentlichung kennenlernte. Pauline Viardot gab ihre Komposition in einer gedruckten Liedsammlung heraus, wie sie es sehr oft tat. Das Heft mit dem Titel Six Mélodies pour une voix suivies d'un Duo pour 2 voix égales avec accompagnement de Piano par Mme. Pauline Viardot erschien 1892 in Paris beim Verlag J. Hamelle.

Weitere Hinweise auf die Entstehungszeit geben die anderen in dieser Sammlung enthaltenen Lieder:

1. Premier trouble VWV 1127 (Text von Louis Pomey)
2. Divin sommeil VWV 1128 (Text von Stephan Bordèse)
3. Chanson d’autrefoix VWV 1129 (Text Victor Hugo)
4. La Japonaise VWV 1130 (Text von Abel de Montferrier)
5. La Vierge au lavoir VWV 1025 (Text von Gabriel Vicaire)
6. Suzon, Suzette VWV 1131 (Text Victor Hugo aus Toute la lyre)
7. Rêverie. Duo VWV 1024 (Text von Armand Silvestre)

Die Nummer 2, Divin sommeil, ist im Autograph auf 1889 datiert, die Nummer 7, Rêverie, ist in einer Abschrift von 1884 überliefert. Drei weitere Lieder, La Japonaise, La Vierge au lavoir und Suzon, Suzette, sind in einem autograph geführten Liederbuch Pauline Viardots enthalten, das ebenfalls in der Houghton Library der Harvard University, Cambridge aufbewahrt wird (US-Cah, MS Mus 232 (48)). Einige der Stücke in diesem Liederbuch hat Pauline Viardot datiert, diese Daten liegen zwischen 1884 und 1897. Es ist wahrscheinlich, dass dies auch Entstehungsdaten sind und dass die anderen hier niedergeschriebenen Lieder ebenfalls um diese Zeit entstanden sind. Damit gehören die Chanson d’autrefois VWV 1129 und die anderen in der Sammlung gedruckten Lieder zu den späten Kompositionen Pauline Viardots, die in ihrer letzten Lebensphase entstanden sind, die sie wieder in Paris verbrachte.

Zweite und dritte Seite des Autographs von "Chanson d’autrefois" von Pauline Viardot. [o.O.], [zwischen 1881 und 1892] © Archiv fmg


Die Überlieferungssituation der Chanson d’autrefois mit einer autographen Skizze, einer autographen Reinschrift, einer Abschrift und einem Druck ist durchaus typisch für Viardots Werke. Eher untypisch ist aber, dass die Textzeugen der vollständigen Komposition in etwa die gleiche Fassung überliefern, also in derselben Tonart (g-Moll / G-Dur), für dieselbe Besetzung und mit dem französischen Text, ohne Übersetzungen in eine oder mehrere andere Sprachen. Sehr oft sind Pauline Viardots Lieder in mehreren Tonarten (für verschiedene Stimmlagen) und mit einer oder mehreren Übersetzungen überliefert. Auch andere Besetzungen für die Begleitung der Singstimme gibt es öfters. Doch in diesem Fall unterscheiden sich die drei Textzeugen nur geringfügig: Die Abschrift überliefert eine abweichende Tempobezeichnung, „Moderato“ statt „Andantino“, wie es im Autograph und im Druck notiert ist. Möglicherweise ist die abweichende Tempobezeichnung auf einen Lesefehler zurückzuführen (Viardot verwendet die übliche Abkürzungsweise „And.no“, das flüchtig auch als abgekürztes „Mod.to“ gelesen werden könnte), doch fertigte Marianne Duvernoy viele Abschriften von Liedern ihrer Mutter an und dürfte die Handschrift gut gekannt haben. Nicht klar einzuordnen ist auch die unterschiedliche Länge des Werks in den drei Quellen: Sowohl im Druck als auch in der Abschrift ist die Komposition einen Takt kürzer als im Autograph (66 statt 67 Takte): In der Druckfassung ist das Klaviervorspiel nur vier statt fünf Takte lang. In der Abschrift ist dagegen das Klavierzwischenspiel zwischen der 2. und 3. Strophe nur drei statt vier Takte lang – und damit so lang wie das Zwischenspiel zwischen der 1. und 2. Strophe in allen drei Quellen. Zwar weicht die Abschrift damit an dieser Stelle von den beiden anderen Textzeugen ab, ist jedoch möglicherweise korrekt, indem sie beide  Zwischenspiele gleich lang überliefert. Allerdings ist sowohl im Autograph als auch im Druck am Ende der 2. Strophe anders als am Ende der 1. Strophe ein Rallentando (resp. Ritardando) notiert, so dass immerhin die Möglichkeit besteht, dass das längere Zwischenspiel hier beabsichtigt ist. (In der Abschrift findet sich lediglich eine Fermate auf dem vorletzten Meldodieton der Strophe.)

Ein detaillierter Vergleich aller drei Textzeugen ergibt zahlreiche weitere kleine Unterschiede, vor allem in der Vortragsbezeichnung, aber auch im Notentext der Klavierbegleitung. Außerdem weist der Druck zwei Fehler im Gedichttext auf. Abgesehen von diesen ist es für die verschiedenen Lesarten des Notentextes kennzeichnend, dass es sich fast nie um Fehler handelt, sondern um Varianten, die gleichermaßen musikalisch schlüssig sind. Aufgrund dieser Lesarten lässt sich zum einen begründet vermuten, dass das neu gefundene Autograph weder für die Abschrift noch für den Druck die Vorlage war, zum anderen, dass Abschrift und Druck ihrerseits auf verschiedene Vorlagen zurückgehen. Somit muss es noch mindestens zwei weitere Textzeugen gegeben haben, die heute unbekannt sind und die möglicherweise eines Tages ebenfalls wieder auftauchen, wie das Autograph im November 2020.

Text: Christin Heitmann, Autorin des Systematisch-bibliographischen Werkverzeichnisses Pauline Viardots, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Beethoven-Haus Bonn


 
Fotografie von Pauline Viardot, [o.O.], [o.D.]. Signatur: Rara/FMG Viardot-García,P.3/1 © Archiv fmg

Zuletzt bearbeitet: 01.07.2021

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