September 2021

Tona Scherchen: Wai

Deckblatt der Notenausgabe von Tona Scherchens "Wai". Zürich: Universal Edition, [1976]. Signatur: NO Scherchen,T (334).1 © Archiv fmg


Tona Scherchens Komposition Wai für Mezzosopran und Streichquartett wurde 1968 in Donaueschingen unter Mitwirkung von Cathy Berberian uraufgeführt. Die Stimme und die Instrumente erproben diverse erweiterte Gesangs- und Spieltechniken, die in einer Spielanweisung ausführlich erläutert werden. Die Sängerin spielt zusätzlich Schlaginstrumente auf der Bühne. Ihr Auftritt geht somit über eine klassische Gesangsdarbietung hinaus. Zu Beginn schreitet sie langsam singend auf die Bühne. Dies ist eine Parallele zur Sequenza III von Luciano Berio. Ähnlich wie Berio schreibt auch Scherchen eine Vielzahl an Vortragsarten wie „nerveux“ oder „mysterieux“ in die Partitur. Die Sequenza III war Scherchen sicherlich bekannt und womöglich ein Vorbild.

In dichter Abfolge wechseln in Wai verschiedenste Charaktere und Stimmungen wie Stöhnen, Murmeln, Weinen und Lachen. Auch unterschiedliche Formen des Atmens werden bewusst integriert und notiert. Insgesamt lebt die Komposition, die etwa 25 Minuten dauert, von schnellen Wechseln und einer hohen Dichte des kompositorischen Materials. Die Aktionen des Streichquartetts sind ebenfalls sehr präzise ausnotiert und umfassen eine große Bandbreite an Bogentechniken, Glissandi und Flageoletts.

Eine Besonderheit in Wai ist die der Partitur eingeschriebene Interkulturalität. Tona Scherchen, geboren 1938, war bekanntermaßen die Tochter des Dirigenten Hermann Scherchen. Weniger bekannt ist sie jedoch als Tochter von Shu-Sien Hsiao (1905–1991), einer chinesischen Komponistin und Pädagogin. Nach der Trennung ihrer Eltern zog Tona Scherchen im Alter von 12 Jahren mit ihrer Mutter nach China und erhielt dort eine umfassende musikalische Ausbildung. Zeitweise führte sie auch den Namen Scherchen-Hsiao, womit sie ihrer chinesischen Identität Ausdruck verlieh. Viele ihrer Kompositionen tragen chinesische Titel. In Wai verwendet Scherchen einen chinesischen Text, der in die lateinische Schrift transkribiert ist. Der gedruckten Partitur ist keine Übersetzung des chinesischen Textes beigegeben. Für Scherchen stand das Experiment mit Lauten zugunsten einer der Textsemantik im Vordergrund, was ein Merkmal der experimentellen Sprachkompositionen der 1950er und 1960er Jahre ist.

Wai ist demnach Karlheinz Stockhausens Gesang der Jünglinge (1956), John Cages Aria (1958), Berios Sequenza III (1966) oder auch Peter Maxwell Davies Songs for a Mad King (1969) an die Seite zu stellen. Scherchen beweist, dass sie auf Augenhöhe ihrer Kollegen komponieren konnte. Mit der Uraufführung 1968 handelte sie sich allerdings eine schlechte Kritik des diskursmächtigen Hans Heinz Stuckenschmidt ein:

Dann kam das Problemstück des Weekend: „Wai“ für Stimme, Streichquartett und Schlagzeug von Tona Scherchen. Wai ist der chinesischen Muttersprache der Scherchentochter (Jahrgang 1938) entnommen und heißt „heraus, anders-wohin“. Ich bekenne, selten bei moderner Musik die Botschaft der hochstrebenden Leere so vernommen zu haben wie hier. Ist die Arbeit als dramatische Szene gemeint, so war ihre Wiedergabe auf dem Podium verfehlt. Ist sie als musikali-sche Form gedacht, so genügt dafür weder die technische Traktierung der vier Instrumente noch die Perkussionskulisse oder die Einarbeitung der anfangs solistisch auftretenden Menschenstimme. Begabung ist mitunter spürbar; doch geht somnambul den falschen Weg (Stuckenschmidt, Hans Heinz: „Buntscheckige Weltmusik.Virtuosen-Perfektionismus bei den Donaueschinger Musiktagen“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.10.1968, S. 14.).

Diese Bewertung zeigt exemplarisch die schwierige Position von Komponistinnen in der patriarchal geprägten Nachkriegs-Avantgarde. Tona Scherchen konnte zwar diverse Uraufführungen ihrer Kom-positionen in Donaueschingen, Darmstadt sowie Straßburg und Paris erreichen. Wai und 14 weitere Solo-, Kammermusik- und Orchesterwerke wurden in der Universal Edition herausgegeben. Im kriti-schen Diskurs wurden Komponistinnen jedoch, wenn sie überhaupt besprochen wurden, sehr kritisch bewertet. Heute sind die Kompositionen Tona Scherchens weitgehend unbekannt. Eine offizielle Aufnahme von Wai gibt es nicht. Das fmg hat als eine der wenigen Bibliotheken Notenausgaben von Tona Scherchen im Bestand und lädt somit zur Entdeckung ihrer Musik ein.

Text: Dr. Gesa Finke (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum Musik und Gender)

 

Zuletzt bearbeitet: 07.10.2021

Zum Seitenanfang