Oktober 2022

Regelmäßig werden in der Rubrik „Quelle des Monats“ Raritäten aus dem Bestand des fmg vorgestellt. Die Exponate konnten dank der Finanzierung durch die Mariann Steegmann Stiftung erworben werden und ergänzen den vielfältigen und einzigartigen Archivbestand des Forschungszentrums. Ausstellungsstücke und Exponatbeschreibungen der vergangenen Monate können links im Menü eingesehen werden.

Programmblatt - Konzertprogramm und Kritiken zu Carlotta Patti

Wir kennen heutige Programmzettel, die uns zeigen, welche Werke gespielt werden, gegebenenfalls ein paar Informationen zu diesen enthalten und dazu eine Kurzbiographie der Musiker:innen. Das Programmblatt, das die Quelle des Monats Oktober ist, hat einen bedeutend größeren Umfang. Es ist betitelt mit “Carlotta Pattis Concert” und umfasst vier bedruckte Seiten.

 

Programmblatt Carlotta Patti, ca. 1864, Leipzig, Signatur: Rara/FMG Patti,C.1 © Archiv fmg und Bild Carlotta Patti, o.D., o.O. Sigantur: Rara/FMG Patti,C.2 © Archiv fmg

 

Carlotta Patti war eine italienische Sopranistin, die 1835 in Florenz geboren wurde und 1889 in Paris verstarb. Sie wurde in eine musikalische Familie geboren, beide Eltern waren als Sänger:inen tätig, ihre zwei Schwestern waren Sängerinnen und ihr Bruder Geiger und Komponist. Erinnert wird heute von den vier Geschwistern vor allem die jüngsten Schwester Adelina Patti (1843–1919). Durch Adelinas umfangreiches Repertoire, ihre schauspielerischen Fähigkeiten und ihre vielgelobte Stimme zählt sie zu den besonders herausragenden Sängerinnen ihrer Zeit mit weitreichemden internationalen Ansehen. (Mehr zu Adelina Patti: MuGI, 2018). Neben Quellen zu Adelina Patti finden sich im fmg aber auch Materialien zu Carlotta Patti. Deren geringere Sichtbarkeit resultierte vermutlich insbesondere dadurch, dass sie auf Grund einer aus einem Unfall resultierenden Lähmung, die Konzertbühne der Opernbühne vorzog. Dadurch blieben prestigereiche Aufführungen auf der Opernbühne fast gänzlich außenvor. Durch wechselnde Wohnorte und Konzertreisen erlangte sie in Europa und Nordamerika Bekanntheit und sang eine Vielzahl von Konzerten bis zu ihrer Hochzeit 1879, nach der sie ihren Schwerpunkt auf den Gesangsunterricht legte. Das Programmheft eines ihrer Konzerte steht im Folgenden im Vordergrund.

 

Programmblatt Carlotta Patti, ca. 1864, Leipzig, Signatur: Rara/FMG Patti,C.1 © Archiv fmg

 

Das Konzert fand ca. 1864 in Leipzig statt, wo auch die Quelle gedruckt wurde. Genauere Angaben liegen nicht vor, doch ist die neuste enthaltene Kritik vom 4.2.1864, sodass das Konzert danach stattgefunden haben muss. Links oben steht von alter Hand die Anmerkung “18. Decb. Casino”, was alles in allem darauf hindeuten könnte, dass das Konzert am 18.12.1864 stattgefunden haben könnte. Die erste Seite umfasst umfangreiche Informationen zu den Beteiligten und dem Konzert selbst. Die Darstellung beginnt wie folgt: “Herr Ullmann, Direktor der italienischen Oper und der großen Concerte der Academy of Music in New-York, Boston und Philadelphia, hat die Ehre anzuzeigen, daß es ein Concert mit Frl. Carlotta Patti geben wird.” Hervorgehoben wird nun, dass Konzerte von “Künstlergrößen, namentlich Jenni Lind, Liszt und Paganini, auf deren “persönlichen Talenten” fußen. Das hier stattfindende Konzert umfasst jedoch vier weitere Solist:innen. Dies könnte so verstanden werden, dass Pattis persönliches Talent nicht ausreicht, um ein Konzert zu füllen, doch wird es so gewendet, dass es den Eindruck von etwas ganz besonders Reizvollem macht, ein Konzert mit vielen verschiedenen begabten Musizierenden zu hören. Dies gelingt, in dem darauf verwiesen wird, dass das Konzert denen gleiche, die Herr Ullmann in Amerika für namhafte Sänger:innen, darunter auch Henriette Sontag, organisierte. Dadurch entsteht eine andere Wirkung. Durch den Bezug zu Amerika wird Neugier geweckt und durch die Nennung der erfolgreichen Sänger:innen wird Patti in die Gruppe derer eingereiht, mit denen Ullman bereit ist, ein Konzert zu organisieren. Auch der untenstehende Hinweis auf einen angeblich verhältnismäßig niedrigen Preis, betont im Anschluss daran Pattis Besonderheit durch die Bezeichnung “Stern an der Spitze”. Weitere Informationen zu ihr finden sich auch in den sechs Kritiken über Carlotta Patti, die die folgenden drei Seiten füllen. Doch vorweg zum Repertoire. Patti singt drei der insgesamt acht Stücke. An zweiter Stelle in der Konzertreihenfolge Recitativ und Arie aus “Linda di Chamounix” von Donizetti, dann an fünfter die Schatten-Arie “Dinorah” von Meyerbeer und abschließend als vorletztes Stück, folgend auf die, unter der gleichen Nummer notierten Introduction für Klavier von Schulhof, nun Paganinis Carneval von Venedig, “speziell von Hrn. Julius Benedict in London arrangiert für Frl. Patti, gesungen von Mlle. Carlotta Patti.” Die anderen beteiligten Personen werden bei maximal zwei Werken eingebunden. Patti steht damit sowohl durch die Aufteilung innerhalb des Programms als auch mit der Anzahl von Stücken im Fokus.

 

Erste der im Programblatt enthaltenen Kritiken über Carlotta Patti, ca. 1864, Leipzig, Signatur: Rara/FMG Patti,C.1 © Archiv fmg

 

Die, an die erste anschließenden, Seiten, widmen sich ganz Carlotta Patti. Eine “Biographische Notiz aus der Indépendance Belge vom 21. November 1863” steht am Anfang. In dieser wird auch Bezug auf Pattis demnach regelmäßig im Sommer stattfindende dreimonatige Reise nach Europa genommen, während dieser Herr Ullmann für sie Konzerte dort organisiere. Außerdem wird darin thematisiert, dass es für alleine reisende Künstler:innen schwer sei ein ganzes Programm zu füllen und diese daher häufig mit unbekannten anderen Musikschaffenden ergänzt würden. Das führe zu wenig Interesse seitens des Publikums, außer es sei gegeben, dass alle genannten Virtuos:innen einen gewissen Bekanntheitsgrad hätten, was die Zuschauerzahl wiederrum erhöhe. Um hierbei einen erfolgreichen Weg zu gehen, bietet sich die Wahl von Organisator:innen wie Ullmann an, der eine Vielzahl von anerkannten Musikschaffenden um sich versammelt hatte und durch die von ihm organisierte Zusammenarbeit erfolgreiche Konzerte versprach. Als zweite Kritik folgt ein Auszug über “Carlotta Patti von Professor L. Bischoff aus der kölnischen Zeitung”, in dem sie besonders für ihre sauberen hohen Töne, ihr technisches Niveau und ihren Stimmklang gelobt wird und ein Bericht aus dem Frankfurter Journal vom 4.2.1864. Abschließend sind drei Ausschnitte aus Zeitungen aus London aufgeführt – aus der Londoner Times vom 18.4.1863, der London Post vom 19.4.1863 und der “Hofzeitung von London” vom 25.4.1863. Diese zeigen, dass Patti zu der Zeit mit großem Erfolg in London auftrat. In den wiederkehrenden Bezügen auf ihre Schwester Adelina, werden beide für ihre jeweiligen Fähigkeiten gelobt und Unterschiede werden in erster Linie in Bezug auf die Entscheidung für oder gegen Opernrollen genannt.

Alle Kritiken sind über weite Teile positiv und stellen Patti als herausragende Sängerin dar – was für eine Zusammenstellung in diesem Werbekontext sinnvoll und gleichzeitig in der heutigen Rezeption zu bedenken ist. Die Quelle ist in ihrer Zusammenstellung sowohl eine Werbung für das Konzert bzw. die Sängerin als auch ein Programmblatt. Hierbei dient gleichsam die Quelle Patti als Werbung, um bekannter zu werden und Informationen über sie zu teilen, und Patti samt ihrem Erfolg als Werbung für die Konzerte, an denen sie ebenso wie andere Musiker:innen beteiligt ist. Bei der Betrachtung aus heutiger Sicht, gibt eine Quelle wie diese uns unter anderem Aufschluss darüber, wer musizierte, welche Werke aufgeführt wurden, auf welche Weise für Konzerte und Musiker:innen geworben wurde und, durch die Kritiken, auch Aufschluss über Carlotta Patti, ihre beruflichen Möglichkeiten und die in den Artikeln formulierten Erwartungen an Sängerinnen ihrer Zeit.

Text: Leonie F. Koch (Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungszentrum Musik und Gender)

 
Bild Carlotta Patti, o.D., o.O, Signatur: Rara/FMG Patti,C.2 © Archiv fmg

Zuletzt bearbeitet: 02.11.2022

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