Januar 2026

"Geehrter Herr Wolff" - So beginnt der kurze Brief, der am 02.01.1880 von Amalie Joachim verfasst wird.

Amalie Schneeweiss, verheiratet Joachim, war eine bedeutende Sängerin, stand in Kontakt mit vielen zentralen Musikschaffenden ihrer Zeit, prägte deren Schaffen. Sie war unter anderem auch gemeinsam mit Heinrich Reimann musikschriftstellerisch im Bereich der Gattungsgeschichte des Liedes tätig („Geschichte des deutschen Liedes in vier Abenden“). (Mehr zu ihr bei MuGI und in der dort verwendeten Literatur) Hermann Wolff spielte ebenfalls eine einflussreiche Rolle in der Musiklandschaft des späten 19. Jahrhunderts insbesondere als Konzertagent. Mit seiner Agentur prägte er den Musikmarkt Berlins und darüber hinaus. Er war beispielsweise Agent von Anton Rubinstein und Amalie Joachim. Seine Frau Louise Wolff übernahm nach seinem Tod 1902 die Agentur und führte sie weiter.

Die Zusammenarbeit mit Agenten wurde um 1880 immer wichtiger, da das Vorausplanen von Konzerten auch auf Konzertreisen an Bedeutung gewann. Die vorherige Praxis, ein erstes Konzert am Reiseziel festgelegt zu haben und den Rest der Konzerte vor Ort zu organisieren wurde unüblicher und die Bedeutung von Agenten zur Vorausplanung von Konzerten wuchs. In diesem Kontext nutzte auch Amalie Joachim, die Vorteile der Hermann Wolff Agentur. In diese Zeit fällt auch die Quelle. Sie zeigt, dass zwischen beiden 1880 ein Kontakt bestand, der über die rein berufliche Kommunikation hinausging. Dieser hielt sich auch in den kommenden Jahren. Nach ihrer Scheidung von Joseph Joachim 1884 organisierte Amalie Joachim vermehrt selbstständig Liederabende, wobei sie auf Hermann Wolffs Unterstützung zurückgriff.

Brief von Amalie Joachim an Hermann Wolff, Rara/FMG Joachim,A.10 Vorderseite © Archiv fmg
Brief von Amalie Joachim an Hermann Wolff, Rara/FMG Joachim,A.10 Rückseite © Archiv fmg


"Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie am nächsten Freiday d. 16. Januar Abends 9 Uhr an einem ganz kleinen Tanzvergnügen bei mir theilnehmen wollten!" Mit diesen Worten wird Wolff eingeladen. Ergänz mit einem klaren Hinweis auf die gewünschte Kleidung: "Die Herren sind gebeten in schwarzer Halsbinde zu erscheinen - da es durchaus kein "Ball" sein soll!"
Interessant ist der enthaltene Hinweis auf die üblichen Kleiderordnungen für Bälle und kleinere Veranstaltungen. Ebenso wird deutlich, dass Amalie Joachim Einladungen zu sich nach Hause aussprach und dementsprechend ebensolche Veranstaltungen dort organisierte.

Die hier angeschnittenen Themengebiete zeigen, welche vielversprechenden Fragestellungen sich aus Quellen ergeben, deren erster informativer Nutzen nicht direkt auf der Hand liegt.

- Wie persönlich war diese Beziehung zu der Zeit?
- Was können wir über solche "kleinen Tanzvergnügen" herausfinden?
- Wie oft fanden solche Veranstaltungen statt?
- Wie viele und welche Personen wurden dazu eingeladen?
- Welche Kleidung wurde getragen?
- Welche Rolle spielte Musik dort?
- Ist es für sie ebenso möglich gewesen einen Ball zu organisieren?
Und viele Weitere...

Text: Leonie F. Koch (Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum Musik und Gender)

 

 

 
Amalie Joachim. Fotograf: E. Bieber. Hamburg, [o.D.]. Quelle: de.wikipedia.org/wiki/Amalie_Joachim

Zuletzt bearbeitet: 29.01.2026

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