September/Oktober 2026

Umgang mit Kritik – Brief von Laura Rappoldi-Kahrer an Camillo Horn

In einem Zeitungsartikel vom 13.11.1897 im Deutschen Volksblatt schreibt der Musikkritiker Camillo Horn eine Kritik zu einem Kammermusikabend, der am 9.11.1897 in Wien stattfand und bei dem auch die erfolgreiche Pianistin Laura Rappoldi-Kahrer (*1853 – †1925) spielte (Horn, 1897; Wenzel, 2017).

Laut Camillo Horn sind an diesem Abend verschiedene musikalische Ensembles aufgetreten, wobei Rappoldi-Kahrer das César Franck Trio Op.1 Nr.1 mit Mitgliedern des Quartett Rosé gespielt hat. Das Publikum reagierte darauf negativ mit Zischen und ohne Applaus:

„Statt Beachtung wurde dem Trio einfach Zurückweisung zuteil, indem sich Zischlaute erhoben, die jede noch so ehrlich gewollte Beifallsäußerung zurückschreckten (...) taktlos aber war es, daß der gute Wille einer ausgezeichneten, noch dazu fremden Pianisten, Wien mit dem Werke bekannt zu machen, so mißachtet wurde, daß es nicht einmal ihr selbst vergönnt war, einigen Applaus als Erinnerung an die „kunstliebende" Stadt mitzunehmen. Und Frau Rappoldi-Kahrer, die den Titel königlich-sächsische Kammervirtuosin mit Fug und Recht führt, ist eine Künstlerin, deren technisch vollendetes, von hohem Verständnis zeugendes Spiel allein schon reichlichste Anerkennung verdient hätte. Frau Rappoldi-Kahrer dürfte mit sonderbaren Gefühlen und Anschauungen in ihre schöne Heimat, nach Dresden, zurückgekehrt sein; wir aber möchten sie bitten, edle Rache zu üben und den Wienern Gelegenheit zu geben, ein mittlerweile wohl erkanntes Unrecht wieder gut zu machen. “ (Horn, 1897, S. 2).

Nun stellt sich die Frage: Wie reagiert die von Hans von Bülow hochgelobte Virtuosin Laura Rappoldi-Kahrer auf eine schlechte Publikumsreaktion (Rappoldi-Kahrer, 1908)? Ein Brief von ihr an den Musikkritiker Camillo Horn aus dem Jahr 1897 gibt darüber Aufschluss. In diesem bedankt sie sich zu Beginn für seine Rezension zu dem Konzert:

„Hochverehrter Herr: Ich weiß nicht wie ich Ihnen für Ihre ausserordentliche Liebenswürdigkeit danken soll - erstens für Ihre so nachsichtige Besprechung u zweitens für die gütige Zusendung derselben.“ (Rappoldi-Kahrer, 1897, S. 1)

Signatur: Rara/FMG Rappoldi-Kahrer,L.1/2 © Archiv fmg

 

Camillo Horn begründet in seinem Zeitungsartikel die Ablehnung des Publikums damit, dass Herr Rosé das Publikum nicht auf die unbekannte Komposition vorbereitet hätte:

“Vielleicht trägt Herr Rosé, den der Vorfall offenbar selbst höchst peinlich berührt, ein wenig Schuld an der brüsken Ablehnung des Franck'schen Trios. Gewohnt, jahraus jahrein nur Werke einer gewissen sanctionirten Richtung vorzuführen, findet er nun seine Hörerschaft für andersgeartete Werke zu wenig vorbereitet.” (Horn, 1897, S.2)

Laura Rappoldi-Kahrer nimmt darauf Bezug, indem sie die Reaktion des Publikums im Weiteren damit rechtfertigt, dass noch nicht bekannte Werke eine schlechte Wirkung beim Publikum hätten – als Beispiel bringt sie dabei eine Symphonie und ein Quartett von Bruckner an:

„Mit unbekannten Compositionen darf man selten auf Erfolg u Anerkennung rechnen, z. B. hat Bruckner der in Wien so gefeiert wird hier allen Musikern selbst mißfallen u das Publicum war mehr wie ablehnend gegen sein Quartett u Symphonie!“ (Rappoldi-Kahrer, 1897, S.2).(Horn, 1897, S. 2).

Bruckners Kompositionen werden also laut der Kammervirtuosin in Wien verehrt aber in Dresden selbst von den Musiker*innen und dem Publikum abgelehnt (Rappoldi-Kahrer, 1897). Indem sie den Misserfolg eines großen Komponisten und seinen Kompositionen nennt, relativiert sie gleichzeitig ihre eigene Ablehnung. Damit impliziert sie als Grund für die schlechte Publikumsreaktion bei ihrem Konzert in Wien die Unbekanntheit des Stücks (Franck Trio) und nicht ihr Klavierspiel. Bruckner wird vermutlich als Beispiel gewählt, da dieser als gemeinsamer Lehrer von Horn und Rappoldi-Kahrer (Wenzel, 2017) eine Verbindung zwischen ihnen herstellt.

Im weiteren Verlauf des Briefes erklärt sie, aus welchen Gründen sie besonders von der Reaktion des Publikums betroffen war:

„Mich hat es nur deshalb verstimmt, weil Wien meine Vaterstadt ist u ich am Conservatorium (bei Dachs u Dessoff,) und zwar durch die Munifizenz Ihrer Majestät der Kaiserin von Oesterreich ausgebildet wurde; erst später habe ich den Unterricht bei Liszt u. Bülow und hauptsächlich bei Adolf Henselt in Petersburg (2 Jahre) genoßen.“ (Rappoldi-Kahrer, 1897, S. 2-3)

Gleichzeitig betont sie durch die Aufzählung ihrer renommierten Lehrer (alle genannten waren anerkannt und bekannt in dieser Zeit) und die Erwähnung ihrer Förderung durch die Kaiserin Elisabeth von Österreich ihre Professionalität und ihr pianistisches Können.

Zudem stellt sie abschließend eine Verbindung zu Camillo Horn mit der Frage her, ob ihr Ehemann Eduard Rappoldi mit Camillo Horn in den 1860er Jahren gemeinsam musiziert hat:

„Mein Mann läßt sich unbekannter Weise empfehlen u glaubt mit Ihnen (in den 60ger Jahren) musicirt zu haben? Ist dem so?“ (Rappoldi-Kahrer, 1897, S. 3)

Alles in allem lassen sich in Rappoldi-Kahrers Brief als Reaktion auf die schlechte Publikumsreaktion drei Bewältigungsstrategien für die Ablehnung des Publikums bei einem ihrer Wiener Konzerte erkennen. Erstens nennt sie als Grund für die Ablehnung des Publikums die Tatsache, dass generell selten unbekannte Kompositionen Erfolg haben. Zweitens stellt sie ihre Kompetenz heraus, indem sie auf ihre Lehrer und Förderer aufmerksam macht. Drittens verdeutlicht sie die Verbindung zwischen ihr und Horn durch Bruckner sowie ihren Ehemann und schafft so eine persönliche Ebene zum Musikkritiker.

 

Text: Anton Bovensmann und Christina Noll (Studierende der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg; im Rahmen eines Seminars mit Besuch des fmg unter der Leitung von Dr. Christine Fornoff-Petrowski)


Bibliographie

Bajgarová, J. (2010). Kamillo Horn and Melodrama. Musicologica Olomucensia, 12(1), 229–238.

Horn, K. (1897, November 13). Aus dem Concertsaal. Deutsches Volksblatt, 1–2.

Rappoldi-Kahrer, L. (1897, November 22). Brief an Camillo Horn [Brief]. Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, Forschungszentrum für Musik und Gender.

Rappoldi-Kahrer, L. (1908). Erinnerungen an Hans von Bülow. Mit unveröffentlichten Briefen Liszts und Bülows. In J. Kapp (Hrsg.), Die Musik VIII (S. 305–318).

Wenzel, S. (2017). Laura Rappoldi-Kahrer. In B. Borchard, S. Wenzel, & N. Noeske (Hrsg.), MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen.

 

 

 
Signatur: Rara/FMG Rappoldi-Kahrer,L.1/2 © Archiv fmg

Zuletzt bearbeitet: 04.10.2026

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