Juli 2020

„…meinem großen Unternehmen welches ich ins Leben gerufen“ – Facetten musikkulturellen Handelns in einem Brief von Pauline Metternich-Sándor (1836–1921)

Erste Seite des Briefes von Pauline Metternich-Sándor an eine nicht genannte Adressatin, Wien, 25.02.1892. Signatur: Rara/FMG Metternich-Sándor,P.2 © Archiv fmg


Die in Paris und Wien wirkende Salonnière Pauline Metternich-Sándor (1836–1921) ist sowohl für ihre kulturellen als auch sozialen Aktivitäten bekannt: Ihr Pariser Salon, den sie während der Tätigkeit ihres Ehemanns als österreichischer Botschafter von 1859 bis 1870 führte, erlangte u.a. aufgrund ihrer freundschaftlichen Verbindung zu Kaiser Napoleon III. und Kaiserin Eugénie Berühmtheit; nach ihrer Rückkehr nach Österreich initiierte Pauline Metternich-Sándor in Wien u.a. Frühlingsfeste im Prater oder Veranstaltungen in Salons, Konzertsälen und Theatern. Neben ihrem vielfältigen sozialen Engagement hat Pauline Metternich-Sándor auch für das gesellschaftlich-musikkulturelle Leben ihrer Zeit eine Bedeutung: Bekannt ist ihr Eintreten für die Werke Richard Wagners in der Pariser Gesellschaft sowie ihre Freundschaft zu Franz Liszt; Carl Michael Ziehrer widmete ihr die Metternich-Gavotte op. 378. 

Über ihr musikkulturelles Handeln gibt auch ein im FMG verwahrter Brief von Pauline Metternich-Sándor an eine nicht genannte Adressatin Auskunft. Am 25. Februar 1892 richtete sie ein Schreiben an das „sehr geehrte Fräulein“, mit der Frage, ob sie es wagen dürfe, sich „an die bekannte Kunstfreundin und Sammlerin mit der Bitte zu wenden meinem großen Unternehmen welches ich ins Leben gerufen ihr wohlwollendes Interesse zuwenden zu wollen?“ Bei diesem Unternehmen handele es sich um eine Ausstellung, „zu Gunsten welcher wir einen Garantie-Fond gegründet haben“. 

Pauline Metternich-Sándors Anfrage bezieht sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf ein kulturelles Großereignis von internationaler Tragweite: die Internationale Ausstellung für Musik und Theaterwesen (auch: Wiener Musik- und Theaterausstellung). Diese fand vom 7. Mai bis zum 9. Oktober 1892 im Wiener Prater anlässlich des 100. Todestages von W. A. Mozarts statt und zeigte ausschließlich Musik- und Theaterexponate.

Worin besteht nun das Ansuchen Pauline Metternich-Sándors an die Adressatin? Es gehe, wie sie schrieb, um Folgendes: „Sie wollen sich gütigst mit einem Beitrage (welcher nur eventuell u. vielleicht selbst auch gar nicht zu entrichten wäre) an demselben betheiligen. Ich würde einen großen Werth darauf legen den Namen einer Kunstfreundin wie Sie es sind auf meiner Liste stehen zu haben!“ – eine Bitte, die sie ausgesprochen höflich schloss („Verargen Sie mir die Belästigung nicht u. empfangen Sie hochgeehrtes Fräulein, nebst meinen Entschuldigungen die Versicherung meiner ganz vorzüglichsten Hochachtung“).

Wie Eduard Hanslick in seinen Erinnerung Aus meinem Leben (1894) festhielt, hatte Pauline Metternich-Sándor bei der Konzeption und Organisation der Internationalen Ausstellung für Musik- und Theaterwesen eine wesentliche Rolle inne: „Die geistvolle und energische Fürstin Metternich interessierte sich am lebhaftesten und werktätigsten dafür. Warum nur die Geschichte der Musik illustrieren und nicht auch die Entwicklung des Theaters? Und warum über eine österreichische Musik- und Theaterausstellung nicht hinausgreifen zu einer internationalen? So trieb in dem genialen Frauenkopf der Urgedanke immer neue Äste und Zweige, bis in unbegreiflich kurzer Zeit eine in ihrer Art ganz einzige Ausstellung fertig dastand; in ihrer Grundidee und Gestaltung ohne Vorgänger oder Rivalen.“ (Eduard Hanslick: Aus meinem Leben, hg. von Michael Holzinger, Berlin 2013, S. 312) Dies gelang – ungeachtet des finanziellen Misserfolges der Ausstellung, der u.a. durch hohe Einnahmeverluste wegen Schlechtwetter bedingt war und der auch über Pauline Metternich-Sándors Briefanfrage nachdenken lässt: Wurde trotz der Versicherung, der von der Adressatin erbetene Beitrag sei „nur eventuell“ oder vielleicht „auch gar nicht“ zu entrichten, der „Garantie-Fond“ aufgrund der finanziellen Verluste relevant und die Adressatin musste ihren Teil zur Ausstellung beisteuern? Sicher ist jedenfalls, dass Pauline Metternich-Sándors Ausstellungsprojekt auf künstlerischer Ebene ein voller Erfolg war, wie die Neue Freie Presse am 9. Oktober 1892 urteilte: „Man wird noch lange in Wien von den herrlichen Festmomenten und den auserlesenen geistigen Genüssen sprechen, an welchen die Theaterstadt im Prater so reich war.“

Text: Dr. des. Anna Ricke

 
Porträt von Pauline Metternich-Sándor. Öl auf Leinwand. Gemälde von Franz Xaver Winterhalter. Paris, 1860

Zuletzt bearbeitet: 06.08.2020

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