Juni 2020

„Sie, verehrtes Fräulein, deren Unterschrift der Brief ebenfalls trägt“. Auf Spurensuche in einem Brief der Sängerin Amalie Joachim

Erste und letzte Seite des Briefes von Amalie Joachim an Emilie List, Berlin, 22.09.1871. Signatur: Rara/FMG Joachim,A.4 © Archiv fmg


Im Besitz des fmg befindet sich ein - auf den ersten Blick - unscheinbar wirkender, dreiseitiger Brief der Sängerin Amalie Joachim (1839–1899) an ein nicht weiter identifiziertes „Fräulein“ aus dem Jahr 1871, zu dem Gegenbriefe oder weitere Erläuterungen fehlen. Worüber kann dieses kurze Dokument Auskunft geben, das nicht einmal seine Adressatin verrät und auch inhaltlich zunächst mehr Fragen aufwirft, als Informationen bereithält?

Der Brief der Sängerin bezieht sich auf eine Anfrage bezüglich einer Fotografie Joseph Joachims (1831–1907), Violinist und Ehemann der Verfasserin:

„Vor einiger Zeit hat mein Mann ein Schreiben von Frauen München’s erhalten, worin er um seine Photografie ersucht wurde. […] Er trägt mir nun auf, Sie, verehrtes Fräulein, deren Unterschrift der Brief ebenfalls trägt - zu fragen, ob er noch etwas beitragen kann zu dem schönen patriotischen Werke.“

Es stellt sich also nicht nur die Frage nach der Adressatin, sondern auch danach, um wen es sich bei den „Frauen München’s“ handelt und um welches „patriotische Werk“. Einen Hinweis geben Amalie Joachims weitere Ausführungen: So wolle ihr Mann „sein Bild und etwas aus seiner Manuskripten-Sammlung zur Verfügung stellen“, mache sich aber Sorgen „daß es nun zu spät sei und die Sammlung schon nach ihrem Bestimmungsort abgegangen sei.“ Diese knappen Informationen lassen den Eindruck entstehen, dass es hier um ein wohltätiges Projekt Münchener Frauen gehen könnte – und tatsächlich ergibt die Recherche folgendes:

Im März 1871 veröffentlicht der Gesamtverein bayerischer Frauen und Jungfrauen einen Aufruf zur Spende von Autographen berühmter Personen zur Versteigerung (vgl. Fränkischer Kurier, 20. März 1871, Jg. 38, Nr. 79). Zeitgenössische Persönlichkeiten werden zudem zur Einsendung eines signierten Bildes aufgefordert. Mit dem Erlös sollen die Verwundeten aus dem deutsch-französischen Krieg unterstützt werden, der kurz vorher, am 26. Februar 1871, durch den Vorfrieden von Versailles vorerst und am 10. Mai 1871 schließlich formell in Frankfurt a. M. beendet wird. Wenngleich die französischen Verluste und Verwundetenzahlen erheblich größer sind, gibt es auch auf der deutschen Seite zehntausende Verletzte.

Mit großer Wahrscheinlichkeit bezieht sich Amalie Joachims Brief auf jenes karitative Vorhaben. Ihre im Brief geäußerte Befürchtung, mit der Antwort im September 1871 bereits zu spät zu sein, dürfte sich nicht bewahrheitet haben, denn die Sammlung wird erst Anfang 1872 geschlossen werden, wie aus der Beilage der Allgemeinen Zeitung im Februar des Jahres hervorgeht (Beilage zur Allgemeinen Zeitung, 7. Februar 1872, Nr. 38, S. 567).

Auch die mutmaßliche Adressatin des Briefes lässt sich vor diesem Hintergrund nun bestimmen, denn unterzeichnet ist der Aufruf von den „Frauen des Generals v. d. Tann, dann von Kaulbach, Liebig, Liliencron und Fräulein List, die Tochter des Nationalökonomen“ (Allgemeine Zeitung, 30. Mai 1871, Nr. 150, S. 2679). Die einzige als „Fräulein“ unterzeichnende Person ist Emilie List. Es ist mehr als naheliegend, dass Amalie Joachims Entscheidung für die Adressatin ihres Antwortschreibens auf die langjährige und enge Freundin Clara Schumanns fällt, denn auch Amalie und Joseph Joachim sind beruflich und freundschaftlich eng mit Clara Schumann verbunden.

Über die persönliche Situation der Joachims enthält der Brief ebenfalls Informationen. So ist es trotz des gerade zurückliegenden Kriegsendes für Joseph Joachim offenbar möglich, seine beruflichen Tätigkeiten fortzuführen:

„Leider ist mein Mann durch geschäftliche Dinge u. Reisen verhindert, nicht gleich dazu gekommen, den Brief zu beantworten […]“.

Jenseits der zeitpolitischen Ereignisse verrät der Brief zwischen den Zeilen zudem einiges über seine Verfasserin und ihre Rolle innerhalb der Künstlerehe mit Joseph Joachim. Nach der Hochzeit im Jahr 1863 hatte die Sängerin auf Wunsch ihres Mannes die Bühnenlaufbahn beendet und sich als Konzertsängerin etabliert. Der Brief zeigt nun eine – für Künstlerehen in dieser Zeit – sehr typische Rollenverteilung. So übernimmt Amalie Joachim wie unzählige andere Künstlerehefrauen Korrespondenz-Aufgaben ihres Künstlerehemannes. Dabei tritt sie selbst nicht als Künstlerin auf, betont dagegen mehrfach in seinem Auftrage zu schreiben. Auch inhaltlich steht der Künstler Joachim im Zentrum: Es ist ausschließlich von seiner Fotografie die Rede, ein eigenes Bild oder Autogramm bietet die Sängerin nicht an.

Somit entpuppt sich der unscheinbare Brief schließlich als Zeugnis der politischen Ereignisse und wirft ein Schlaglicht darauf, wie sich einzelne Bevölkerungsgruppen und Akteure und Akteurinnen mit den Folgen des Krieges auseinandersetzen. Davon losgelöst ist der Brief Dokument der Gestaltung der Künstlerehe der Joachims und deutet zudem die Wichtigkeit von Netzwerken für Künstler und Künstlerinnen an: So lässt es sich Amalie Joachim abschließend nicht nehmen hervorzuheben, dass es eine „besondere Freude“ für sie sei, auf diese Weise die Gelegenheit zu haben Emilie List zu kontaktieren und „mich Ihnen in’s Gedächtnis zu rufen“.

Text: Christine Fornoff-Petrowski

 
Porträt von Amalie Joachim nach einer Fotografie mit Faksimile ihrer Unterschrift. Stich und Druck: Weger, Leipzig (Verlag der Dürr'schen Buchh.), [um 1860]. Signatur: Rara/FMG Joachim,A.8/1 © Archiv fmg

Zuletzt bearbeitet: 07.07.2020

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