September 2020

Angelica Catalani: 'Prototyp' der Diva

In der Sammlung des Forschungszentrums Musik und Gender befinden sich drei Porträts der Opernsängerin Angelica Catalani. Über Angelica Catalanis (1780–1849) familiären Hintergrund und ihre musikalische Ausbildung sind kaum nachweisbare Informationen vorhanden. Wahrscheinlich wuchs sie als Pflegetochter und Schülerin der Sängerin Anna Morichelli in Gubbio, Italien auf. Ihr Sängerinnendebut machte sie 1795 oder 1797 in der Oper La Lodoiska von Simon Mayr in Venedig und trat in den Folgejahren an allen großen Bühnen Italiens auf. Um 1804 wurde Catalani schließlich in Lissabon engagiert. Nachdem sie hier große Erfolge feierte, zog sie 1806 nach London und erhielt dort sehr hohe Honorare, die das übliche Gehalt einer Opernsängerin der damaligen Zeit deutlich übertrafen.

1814 wirkte sie als Direktorin des Théâtre Italien in Paris, legte die Theaterleitung 1818 jedoch wieder nieder. Trotz zunehmender Stimmprobleme trat Angelica Catalani in den folgenden Jahren in zahlreichen Gastspielen in Europa auf, bis sie 1828 ihre Karriere beendete. Daraufhin lebte sie in Paris und Florenz, wo sie eine Gesangsschule gründete.

Angelica Catalani wurde im 19. Jahrhundert als 'Prototyp' der Diva angesehen, was vermutlich zum Teil durch ihren internationalen Erfolg verursacht wurde. Durch diese Verbindung wurde Catalani mit vielen Klischees und Stereotypen konfrontiert, die für Opernsängerinnen der damaligen Zeit üblich waren. Im 19. Jahrhundert überwog ein Frauenbild, in dem der Frau keine Stimme in der Öffentlichkeit gegeben wurde. Als Opernsängerin wurde den Frauen eine Bühne geboten, die sie zum Teil nutzten, um sich sichtbar und hörbar zu machen. Die Opernsängerinnen, die sich als emanzipierte Frauen in der Öffentlichkeit sichtbar machten, wurden vom Publikum für ihre Unabhängigkeit zwar verehrt, zugleich aber auch dafür verachtet. Angelica Catalani verkörpert in der Stargeschichte einen neuen Typus der Sängerin, da sie während ihrer Karriere auch große internationale Erfolge feierte. Dadurch hatte sie eine eher kosmopolitische Lebensführung, welche als sehr unabhängig angesehen wurde und sich somit ebenfalls nicht mit dem damaligen Frauenbild vereinen ließ. Durch diese ambivalente Darstellung der Opernsängerinnen im 19. Jahrhundert, lassen sich über Angelica Catalani viele diverse Aussagen in Dokumenten und Berichten der damaligen Zeit finden, welche es erschweren ein klares Bild der Sängerin zusammenzustellen.

Angelica Catalanis öffentliche Auftritte wurden durch den Verkauf zahlreicher Porträts und Berichte in Zeitschriften vermarktet. Durch diese war es möglich ein Bild der Sängerin zu bekommen und dem Publikum zur Verfügung zu stellen, auch wenn dieses Catalani zuvor noch nie gesehen hatte. Neben ihren öffentlichen Auftritten wurden auch die von ihr interpretierten Werke durch den Verkauf von „sung-by“-Notenausgaben vermarktet. Darunter sind mit einem Hinweis auf die entsprechende Aufführung zum Beispiel Arien zu finden, die ihre Erfolgsnummern aus den von ihr gesungen Opern waren. Weiterhin wurden auch Ausgaben mit dem Hinweis „with the embellishment & graces“ oder „With her own variations“ verkauft, in denen die Variationen Catalanis notiert wurden. Eine solche Ausgabe ist ebenfalls im Archiv des  Forschungszentrums zu finden: „’O dolce concento’ (Das klinget so herrlich etc.) nell’Opera Il Flauto magico de W. A. Mozart con variazioni dal Signora Catalani.” Leipzig: Breitkopf & Härtel (1814). Durch die Vermarktung der Person in Form von Porträts wird die Sängerin auf der einen Seite verewigt und verehrt, auf der anderen Seite können die Porträts auch zur Selbstdarstellung der Sängerin gedient haben.

Bei den Porträts handelt es sich um einen Stich (Abb. 2) von Samuel Freeman (1773–1857), welcher am 10. Januar 1807 von William Holland veröffentlicht wurde und eine Graphik (Abb. 3) von den Brüdern Christoph (1771–1842) und Cornelius Suhr (1781–1857), die in Hamburg große Erfolge als Künstler feierten. Zu den Publikations- und Entstehungskontexten der Porträts sind keine Informationen vorhanden.

In beiden genannten Porträts wird Angelica Catalani auf unterschiedliche Arten dargestellt, dennoch vermitteln beide Abbildungen der Sängerin Topoi wie Unschuld und Tugendhaftigkeit. Diese werden zum einen durch ihren Gesichtsausdruck, aber auch durch ihre schlichte Kleidung (weißes Kleid) dargestellt.

Das erste Porträt (Abb. 2) zeigt Angelica Catalani in einem schlichten, weißen Kleid vor einem ebenfalls schlichten Hintergrund. Durch die Einfachheit des Porträts wird Keuschheit und Grazie vermittelt. Anhand von Angelica Catalanis Körperhaltung und ihrem Gesichtsausdruck (Augen leicht nach oben gerichtet) könnte man darauf schließen, dass sie gerade dabei ist zu singen und dem Gesang voll und ganz hingegeben zu sein scheint. Diese Merkmale könnten andeuten, dass sie hier als weiße Primadonna dargestellt wird.

Im zweiten Porträt (Abb. 3) wird Angelica Catalani durch die Elemente wie die Lyra und den Lorbeerkranz als griechische Muse in Szene gesetzt. Die Abbildung als Muse ist eine Anspielung auf eines der Stereotype von Opernsängerinnen um 1800. Diese wurden zum einen von der Gesellschaft für ihre Unabhängigkeit verehrt, zugleich aber auch verachtet. Somit entstand ein ambivalentes Bild der Opernsängerinnen, welches in Bildern und Karikaturen durch die Darstellung als Muse oder Sirene gegenübergestellt wurde.

Der Diven-Begriff des 19. Jahrhunderts wird von Hans Otto Hügel und Johannes von Moltke in die Zeit ab 1860 eingeordnet, also erst nach dem Tod von Angelica Catalani. Dennoch handelt es sich beim Begriff ‚Diva‘ um einen Typus des Stars. Sie bezeichnen eine Diva als eine Person, bei der ihr Privatleben ebenfalls ins öffentliche Interesse fällt und der Imagebildung hilft. Dies war bei Angelica Catalani zwar noch nicht in dieser ausgeprägten Weise der Fall, dennoch wird sie als eine der ersten Sängerinnen mit einer internationalen Karriere als Vorreiterin des Stars bzw. der Diva angesehen. Auch wenn ihr Privatleben nicht im Fokus stand, wird durch Dokumente und Berichte der damaligen Zeit deutlich, dass ihre Biographie neben ihrer Gesangskunst ebenfalls zu ihrem Erfolg beitrug. Ihr wird teilweise eine eigenartige Wirkung auf das Publikum zugeschrieben, die nicht nur durch den Gesang erklärt werden kann. Die Porträts spielen in diesem Zusammenhang ebenfalls eine sehr große Rolle. Denn die Verbreitung der Porträts von Sängerinnen - in heiligen Posen und als Musen dargestellt - trägt zur langanhaltenden Rezeption eines ‚unsterblichen Stars‘ bei. Durch die Verwendung der modernen Medien der damaligen Zeit war die Entstehung eines Starkultes, der bis heute anhält, erst möglich. Angelica Catalani hat den Anfang eines Starkultes miterlebt und mitgestaltet.

Text: Elly Henriques (Studentin im Studiengang Musikwissenschaft und Musikvermittlung und Teilnehmerin des Forschungsseminars "Sängerschauspielerinnen um 1800. Biographien, musikalische Praxen und Rezeption" im Sommersemester 2020)

 
Abb. 1: Porträt von Angelica Catalani. [o.O.], [o.D.]. Signatur: Rara/FMG Catalani,A.1 © Archiv fmg
Abb. 2: Porträt von Angelica Catalani. Stich von Samuel Freeman. Veröffentlichung: William Holland, London, 10. Januar 1807. Signatur: Rara/FMG Catalani, A.2 © Archiv fmg
Abb. 3: Porträt von Angelica Catalani. Graphik von Christoph und Cornelius Suhr. [o.O.], [o.D.]. Signatur: Rara/FMG Catalani,A.3 © Archiv fmg

Zuletzt bearbeitet: 11.11.2020

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