Felisa Mesuere
Promotionsprojekt von Felisa Mesuere
Ziel dieser Arbeit ist die Untersuchung queerer Biographien auf der zeitgenössischen Opernbühne. Dabei soll ausgelotet werden, welche historiographischen Potenziale in der Gattung liegen, um die Geschichte nicht normativer Geschlechtlichkeit zu erzählen. Hierfür werden Erkenntnisse aus zwei Forschungsfeldern zusammengeführt: queertheoretisch informierte Biographieforschung auf der einen Seite und Forschung zu Musiktheater als performativ-historiographischem Genre auf der anderen. Damit will diese Arbeit sowohl (1) zur Verortung queer-biographischer Stoffe innerhalb des Phänomens zeitgenössischer Biographieopern als auch (2) zur weiterführenden Anwendung von Überlegungen zum Musikgeschichtstheater insgesamt beitragen.
Die zentrale theoretische Prämisse meiner Arbeit liegt im Verständnis von queer-biographischem Musiktheater als „historiographisches und zugleich musikalisches Genre“ (Langenbruch 2018, S. 75; 2021, S. 21), welches u.a. an Überlegungen des narrative turn (White 1973) in den Geschichtswissenschaften anschließt. Die Übertragung einer geschichtstheoretischen Reflexion auf den Kontext ‚Bühne‘ und damit die Frage nach den intermedialen Konstruktionsmöglichkeiten bzw. Darstellungsmodi von Geschichte ist innerhalb eines größeren, interdisziplinären Forschungsfelds zu verankern. Für die Musikwissenschaft hat Anna Langenbruch den Neologismus des ‚Musikgeschichtstheaters‘ geprägt. Dieser bezeichnet „Bühnenereignisse, die Musikgeschichte thematisieren, indem sie eine Geschichtserzählung mit einer musikalischen und einer schauspielerisch-szenischen Ebene verbinden […], eine Form von Geschichtsschreibung im Medium Musik.“ (2021, S. 21) Dass sich diese Überlegungen auch auf andere Opernstoffe ausweiten und beispielsweise für die Auseinandersetzung mit queerer Biographik und Geschlechtergeschichte auf der Bühne fruchtbar machen lassen, soll anhand ausgewählter, zeitgenössischer Opern dargestellt werden. Denn: auch wenn ‚Musikgeschichte‘ in diesen Werken nicht zentral thematisiert wird, finden sich doch wiederholt narrative Verflechtungen u.a. mit musikhistorischen Topoi und Kompositionsstilen.
Ausgehend von Langebruchs theoretischen Überlegungen zum historiographischen Musiktheater verfolge ich in dieser Arbeit die Fragestellung, wie queere Biographien, Geschlechter- und Musikgeschichtsbilder in aktuellen Opernwerken auf kompositorischer, inszenatorischer, performativer und rezeptionsästhetischer Ebene konstruiert und mit einander verschränkt werden. Zwei Fallbeispiele sollen dabei im Zentrum der Untersuchung stehen:
Alexina B. ist eine dreiaktige Oper, die in enger Kollaboration zwischen der Komponistin Raquel García-Tomás, der Librettistin Irène Gayraud und der Regisseurin Marta Pazos während der Covid-19 Pandemie kreiert wurde. Finanziert durch ein Leonardo-Stipendium der Stiftung BBVA feierte die Oper im März 2023 im Gran Teatre del Liceu Barcelonas ihre Uraufführung. Das französischsprachige Libretto basiert auf den Memoiren von Adélaïde Herculine Barbin (1838–1868), später Abel Barbin, einer intergeschlechtlichen Person, der bei Geburt das weibliche Geschlecht zugeordnet wurde. Die Oper erzählt mittels Rückblende die Geschichte Barbins. Dabei geht diese Person der Zeitgeschichte nicht allein als Opfer traumatisierender Lebensumstände, sondern auch als empowertes Subjekt hervor.
Lili Elbe ist die erste Oper in voller Länge über eine Person mit Transitionserfahrung, die dezidiert für eine*n Sänger*in mit ebensolcher Erfahrung in der Titelrolle komponiert wurde. Inmitten der Covid-19 Pandemie entstand die Oper als Auftragswerk des Konzert und Theater St. Gallen für den Komponisten Tobias Picker. In Zusammenarbeit mit Aryeh Lev Stollman (Libretto), Krystian Lada (Regie) und Lucia Lucas (Sängerin und Dramaturgin der Autoren) wurde die Oper zur Spielzeiteröffnung im Oktober 2023 uraufgeführt. Das Libretto basiert auf der Lebensgeschichte Lili Ilse Elvenes (1882–1931), einer der ersten Personen die sich geschlechtsangleichender Operationen unterzog. Die Oper fokussiert die letzten Jahre im Leben Elvenes‘ und damit die verschiedenen Phasen ihres Transitionsprozesses. Als zentrales dramaturgisches Element fungiert der Orpheus-Mythos, der musikalisch, textlich sowie inszenatorisch mit der biographischen Erzählung verwoben wird und dadurch die Einordnung als Künstleroper unterstreicht.
Beide Opernproduktionen haben gemeinsam, dass sie in Bezug auf queere Geschlechtlichkeit Aspekte von Perspektivität verhandeln und durch ein Oszillieren zwischen dem erzählten (historischen) und erzählenden (zeitgenössischen) Moment gekennzeichnet sind. Ähnlich wie Woolf in ihrer fiktiven, meta-historischen Biographie Orlando loten die Opernakteur*innen das Verhältnis von Biographie, (Musik)Historiographie und Fiktionalität auf unterschiedliche Weise aus. Um aufzuzeigen, wie queere Biographien auf der zeitgenössischen Opernbühne konstruiert und performativ hervorgebracht werden, verfolge ich bei der Analyse der Fallbeispiele einen multiperspektivischen Mehrebenenansatz, bei dem ich mich auf ein heterogenes, aufführungsbezogenes Quellenmaterial bestehend aus Partitur, Libretto, Szenenfotos, Programmbuch, Aufführungsmitschnitt, Erinnerungsprotokoll, Pressespiegel sowie selbst geführten qualitativen Interviews mit zentralen Akteur*innen stütze. In Konsequenz implementiere ich in meinen Analysen ein Mischverhältnis aus hermeneutischer Quellenkritik und qualitativer Methodik. Ein besonderes Augenmerk soll dabei u. a. auf (1) Aspekten der (doppelten) Verzeitlichung und den performativ-musikalischen Mitteln, die hierbei zum Einsatz kommen, liegen, (2) der Rolle von Klängen bzw. (präexistenter) Musik und ihrer biographiekonstruierenden Wirkung und (3) die kompositorische sowie performative Ausgestaltung von Stimme bzw. Körper der biographierten Personen, insbesondere vor dem Hintergrund der vergeschlechtlichten Praxis von Opernstimmfächer und der Konstruktion von Stimmgeschlechtern.
Vita
seit 2024 Redaktionsmitglied der Zeitschrift StiMMe
seit 2024 Mitglied der Gesellschaft für Musikforschung
seit 2023 Mitglied bei The Writing Academic
WiSe 2022/23 Lehrauftrag für Historische Musikwissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen, Seminarthema: Grundkurs Historische Musikwissenschaft mit Schwerpunkt Fachgeschichte
seit 2021 Mitglied im Unabhängigen Forschungskolloquium für musikwissenschaftliche Geschlechterstudien (UFO)
seit 2021 Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Historische Musikwissenschaft / Gender Studies im Forschungszentrum Musik und Gender an der HMTM Hannover
2020–2021 Assistenz der Öffentlichkeitsarbeit beim Ensemble Musikfabrik, Köln
2019 Regieassistenz (Produktion: Iphis, Regie: Claudia-Isabel Martin) an der Staatsoper Hannover
2018–2020 Wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Historische Musikwissenschaft (Prof. Dr. Stefan Weiss)
2018 Preisträgerin des Erasmus Prize for the Liberal Arts and Sciences, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg/Sparkasse Freiburg-Nördlicher Breisgau
2017–2020 Master of Arts (Musikwissenschaft und Musikvermittlung) an der HMTM Hannover
Thema der Masterarbeit: „Gender*performanz und Transformation in Inszenierungen von Elena Kats-Chernins Kammeroper Iphis (1997/2005/2019)“
2015–2016 Auslandsstudium am University College London
2013–2017 Bachelor of Arts (Liberal Arts and Sciences, englischsprachig) an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Thema der Bachelorarbeit: „Playing with Morals. Gender Ambiguity in Monteverdi’s L’Orfeo“
Zuletzt bearbeitet: 10.06.2026
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