August 2020

“They will be sung all over London”. Englische Songs von Komponistinnen um 1900

Titelseite von „Husheen. A Modern Irish Hush-Song“ von Alicia Adélaïde Needham. London, New York: Boosey, c1897. Signatur: Rara/FMG NO Needham,A (320).18 © Archiv fmg


Die Quelle des Monats August – ein Notendruck des Songs „Husheen“ – stammt aus dem umfangreichen Musikalien-Bestand des fmg, zu dem auch eine große Anzahl an englischen Drucken zählt. Größtenteils handelt es sich dabei um englischsprachige Songs von Komponistinnen, die in Londoner Verlagen im 19. und 20. Jahrhundert publiziert wurden.

Die aus Irland stammende Alicia Adélaïde Needham, geb. Montgomery (1863–1945) war eine von vielen Frauen, die zu dieser Zeit als Song-Komponistinnen in der Öffentlichkeit standen. Vor ihrer Hochzeit war Alicia Adélaïde Montgomery, die u.a. am Londoner Royal College of Music und der Royal Academy of Music studierte, als Pianistin aktiv. Ihre ersten Kompositionen veröffentlichte sie nach der Heirat im Jahr 1892. Needhams heute nur noch in Ausschnitten erhaltenes Œuvre umfasst knapp 700 Werke. Bei einem Großteil dieser Werke handelt es sich um Songs mit Klavierbegleitung, darunter auch viele irische Songs. Zu diesen lässt sich auch der Song „Husheen“ rechnen, für den sie einen Text des irischen Dichters Francis A. Fahy vertonte. Der Text enthält, wie auch die Texte vieler anderer von Needham als „Irish Songs“ vermarktete Kompositionen, vereinzelte gälische Ausdrücke. Außerdem ist den Noten der Text des Songs in zwei Versionen – englisch und gälisch – vorangestellt.

„Husheen“ war, so ist es auch der Titelseite des Songs zu entnehmen, eine von zwölf Kompositionen aus dem Album of Twelve Hush Songs, die Needham 1896 komponierte und mit denen sie im September des Jahres bei Arthur Boosey vom Verlag Boosey & Co. vorstellig wurde. Die Erinnerungen an die Verhandlung mit dem Verleger hielt sie in ihrem Tagebuch fest, das sich heute mit zahlreichen weiteren Dokumenten der Komponistin im Bestand der Cambridge University Library befindet. Der Verleger zeigte sich – den Notizen der Komponistin nach zu urteilen – begeistert von den Kompositionen: „I’ll publish these for you at once Mrs. Needham. Those are very grand. I am much interested in these”, zitierte sie Boosey in ihrem Tagebucheintrag vom 28. September 1896 und ergänzte: „I am most enthusiastic over these songs. They will be sung all over London.”
Sollte sie mit dieser Vermutung bezüglich der Reichweite ihrer Kompositionen Recht behalten? Der im fmg überlieferte Notendruck des Songs “Husheen” lässt zumindest Rückschlüsse darauf zu, in welchen Kontexten dieser verbreitet war.

1.    Die mediale Überlieferungsform der Komposition lässt vermuten, dass die Drucke in erster Linie für den privaten Gebrauch und das häusliche Musizieren produziert wurden. Dadurch dass der Song in drei Tonarten erhältlich war, konnte er auch von Personen verschiedener Stimmlagen gesungen werden, ohne dass ein (spontanes) Transponieren nötig war. Auch der Charakter des Songs lässt darauf schließen, dass der Song vor allem in privaten Kontexten erklang. Bereits der Titel verweist durch die Silbe „hush“ (dt. still) auf die Gattung Schlaf- bzw. Wiegenlied. Ein Blick auf die erste Notenseite des Songs bestätigt diesen Eindruck: So erinnert beispielsweise die Wellenbewegung, die sich u. a. in Melodik, Rhythmik und Dynamik äußert, an ein Wiegenlied und auch die Tempo- bzw. Vortragsbezeichnung Andante tranquillamente (leise gehend) unterstreicht diesen Charakter.

2.    Mehrere Anmerkungen auf dem Titelblatt weisen darauf hin, dass der Song auch in öffentlichen Kontexten aufgeführt wurde. Besonders die Anmerkung „sung by Miss Clara Butt“ sticht hier hervor. Die Altistin war eine gefeierte Sängerin auf den Konzertbühnen Großbritanniens und im Ausland. Regelmäßig trat sie bei den von Boosey & Co. veranstalteten London Ballad Concerts auf und stand dort Ende des 19. Jahrhunderts auch mit Needhams „Husheen“ auf der Bühne. Mit dem Notendruck konnte sich das Publikum der Konzertreihe den von Butt aufgeführten Song in das eigene Wohnzimmer holen.

Textabdruck und irischer Originaltext sowie erste Notenseite von „Husheen. A modern Irish hush-song“ von Alicia Adélaïde Needham. London, New York : Boosey, 1897. Signatur: Rara/FMG NO Needham,A (320).18 © Archiv fmg


Die Sängerin Butt nahm damit eine zentrale Position bei der Popularisierung des Songs ein, zu der auch die Anfang des 20. Jahrhunderts erhältlichen Schallplatten-Aufnahmen beitrugen. Mehrere (digitalisierte) Aufnahmen sind heute u. a. über youtube zugänglich und vermitteln einen klanglichen Eindruck von dem Song und der Interpretation durch Butt.
Die Angabe der Verlagsniederlassungen in New York auf der Titelseite lässt darauf schließen, dass der Song auch dort vertrieben wurde. Und tatsächlich sind für die USA mehrere Aufführungen des Songs um die Jahrhundertwende überliefert (siehe z.B. die Ankündigung „Music Recital To-Night“, in: Wilkes-Barre Times (Pennsylvania), 01.06.1906, S. 9.). Über Kooperationen mit Musikalienhandlungen waren Sheet-Musik-Ausgaben des Songs auch in weiteren Ländern erhältlich. So verkauften etwa die „Music Seller“ Guest & Company Drucke des Songs in Sydney, Australien. Der Song wurde demnach nicht nur, wie von Needham erhofft in ganz London („all over London“) in verschiedenen Kontexten – auf den Konzertbühnen sowie in den Wohnstuben – gesungen, sondern sein Erfolg erstreckte sich weit über die Stadtgrenzen der britischen Metropole hinaus (Weitere Ausführungen zu den überlieferten englischen Notendrucken, der Komponistin Needham und den London Ballad Concerts finden sich in: Favourite Songs. Populäre englische Musikkultur im langen 19. Jahrhundert. HMTM Hannover 2020, Dissertation von Maren Bagge, Druck i. Vorbereitung).

Text: Maren Bagge

 
Alicia Adélaïde Needham im „Shamrock-Dress"

Zuletzt bearbeitet: 14.09.2020

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