Wo sind die Frauen in der Neuen Musik?
1968: Debüt von Komponistinnen in Donaueschingen

Ausstellung im Foyer des Forschungszentrums Musik und Gender

Wo sind die Frauen in der Neuen Musik? Diese Frage wurde bei den Donaueschinger Musiktagen 2017 laut mit der Feststellung, dass immer noch zu wenig Frauen auf der Bühne und vor allem als Komponistinnen bei den Festivals der Neuen Musik zu hören sind. Dies bietet Anlass über den Zeitpunkt nachzudenken, an dem Frauen zum ersten Mal als Komponistinnen auf einem Festival für Neue Musik in Erscheinung traten: In Donaueschingen debüttierten 1968 Cathy Berberian mit Stripsody und Tona Scherchen (auch Scherchen-Hsiao) mit Wai. Damit jährt sich dieses Debüt nun zum 50. Mal.

Cathy Berberian (1925-1983) war zu diesem Zeitpunkt als Interpretin Neuer Musik bereits berühmt. Tona Scherchen (geb. 1938) stand am Anfang ihrer Karriere als Komponistin, die sie im Anschluss erfolgreich fortsetzte und als eine der wenigen Komponistinnen regelmäßig Aufträge und Auftrittsmöglichkeiten mit großen renommierten Orchestern erhielt. Bei beiden ist auffällig, dass sie wichtige männliche Fürsprecher hatten, die ihnen den Zugang in die männlichen Netzwerke in der Neuen Musik ermöglichten: Cathy Berberian über ihre künstlerische Zusammenarbeit und Ehe mit Luciano Berio, Tona Scherchen über ihren Vater Hermann Scherchen, der als Dirigent in Darmstadt und Donaueschingen omnipräsent war.

Bereits 1966 kam Tona Scherchen-Hsiaos Komposition Signe für Flöte in Darmstadt zur Aufführung. Bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik wurden Kompositionen von Frauen schon etwas früher aufgeführt: 1949 von Dika Newlin, 1950 von Elisabeth Lutyens, 1956 von Gladys Nordenstrom, 1961 von Norma Beecroft (vgl. Tabelle). Jahrzehntelang bleibt dies doch punktuell. Die Aufführungsgeschichte von Komponistinnen ist symptomatisch für die problematische Stellung von Frauen in der musikalischen Nachkriegsavantgarde, deren Folgen weiterhin spürbar sind. Gründe liegen in den Ausbildungsstrukturen, in denen Komponistinnen auch aktuell noch mit nur ca. 25 Prozent vertreten sind, in Förderstrukturen, die Männer bevorzugen, über Netzwerke hin zu Diskursen, in denen Neue Musik und Männlichkeit verschränkt werden.

Konzeption der Ausstellung: Dr. Gesa Finke und Anne Fiebig

 
Ausschnitt aus "Stripsody" von Cathy Berberian

Zuletzt bearbeitet: 02.02.2018

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