Zwischen Freundschaft und Fankultur

Albumblätter, Stammbucheinträge und ein Album Amicorum aus dem Forschungszentrum Musik und Gender als Zeugnisse einer europäischen Erinnerungs- und Kommunikationskultur des 19. Jahrhunderts

Erinnerungsalben in Form von Stammbüchern oder einem Album Amicorum erfreuen sich in den letzten Jahren nicht nur kulturgeschichtlichem Interesse, sondern geraten zunehmend in das musikwissenschaftliche Blickfeld. Zunächst vorrangig mit Fokus auf enthaltene musikalische Notationen analysiert, werden sie mittlerweile auch in Hinblick auf ihren kulturhistorischen Quellenwert als Erinnerungs- und Kommunikationsmedium und Zeugnis europäischer Geselligkeitskultur betrachtet. Eine wesentliche Funktion von Stammbüchern liegt in der Dokumentation von gesellschaftlichen und oder freundschaftlichen Kontakten. »Im Stammbuch«, so Matthias Kruse in seiner Einführung zum musikalischen Album und Albumblatt »drückt sich der Brauch aus, Freunde und Verwandte, Weggefährten aller Art, auf Blättern bzw. Buchseiten sich verewigen zu lassen.«

Als authentisches Zeugnis eines verehrten Menschen war das Sammeln von Autographen im ausgehenden 19. Jahrhundert besonders in Mode. Schriftzüge eines verehrungswürdigen Menschen wurden dabei als körperliche (materialisierte) Erinnerung an ihn bewahrt. Häufig wurden Autographe schriftlich angefragt, auf losen Blättern postalisch versendet und schließlich zu einem Album gebunden, in ein vorhandenes eingefügt oder aber in einer extra für diesen Zweck angelegten Kassette gesammelt. Immer beliebter gewordene Autographenalben rührten schließlich von einem ganz neuen Sammelverständnis. Der Musikhistoriker Ralf Wehner spricht in diesem Zusammenhang von einer inflationären Stammbuchunsitte und »Autographenjägerei«, die sich ausbreitete und dazu führte, dass das Stammbuch seinen ursprünglich intimen Charakter verlor und zu einem bunt zusammengewürfelten Sammelband wurde. Bald wurden die Autographe nicht mehr nur auf (Noten-)Papier gesammelt, sondern fotografierte Porträts und Autographe wurden durch technischen Fortschritt miteinander verschmolzen. Signierte Porträtfotografien erinnern an die heute noch verbreiteten Autogrammkarten der Stars aus Musik und Film.  

Dem Sammlungsschwerpunkt des Forschungszentrums Musik und Gender entsprechend, handelt es sich bei den archivierten Erinnerungsalben und Albumblättern entweder um solche, die aus dem Besitz einer musikkulturell handelnden Frau stammten, oder aber deren Einträge überwiegend von musikkulturell handelnden Frauen vorgenommen wurden. Eine Auswahl der vielfältigen Quellen soll in dieser Ausstellung präsentiert werden.

Konzeption: Maren Bagge

 
Albumblatt von Nadia Boulanger an Ernst Fritz Katz, Anschreiben und Umschlag vom 30.08.1933, Signatur: Rara/FMG Musikhandschriften.94 © Archiv fmg

Veranstaltungsort

Forschungszentrum
Musik und Gender
Seelhorststraße 3, 3. OG
30175 Hannover

Eingang im Innenhof

Zuletzt bearbeitet: 13.05.2019

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